Weinprobe erfolgreich. Tränen gelacht.
Das Inserat im regionalen Anzeigenblättchen ist unübersehbar: Weinprobe im Seminarraum des nachbardörflichen Pferdehofes. „Die haben einen Seminarraum?”, staune ich und maile meiner Freundin A.: „Kino am Freitag können wir verschieben – ich hab ‘ne bessere Idee …”
Der Abend beginnt verheißungsvoll. Wir verlaufen uns und geraten in die Kneipe des Hofes. An den vollen Biergläsern der Anwesenden erkennen wir rasch, dass wir hier falsch sind. „Raus, rechts und noch mal rechts”, verkündet die robuste Wirtin, und die gaffenden Biertrinker kommentieren unsere Flucht mit lautem Gröhlen. Uns schwant Übles.
Raus, rechts, wieder rechts – immerhin ist die Wegbeschreibung korrekt. Am langen Tisch sitzen bereits sieben bis neun Einheimische. Wir sind mit Abstand die jüngsten im Raum – abgesehen von einer Blondgelockten und einem Kerl im Sportvereins-T-Shirt. Wir grüßen höflich und setzen uns zwischen den Winzer und einen älteren Herrn, der mit Hilfe einer Lupe dabei ist, die Liste der zu verkostenden Weine zu entziffern.
Ich ignoriere, dass man uns anstarrt, und lese erfreut, dass es nur zwei Rotweinsorten geben wird, gefolgt von acht Weißweinen. Ich lese deutlich weniger erfreut, dass davon nur der Chardonnay als „trocken” bezeichnet wird – und lediglich der Rivaner als „halbtrocken”. Alle anderen werden als „feinherb” angekündigt. Au Backe.
Der kraftvolle Tritt eines Wirtinnenfußes stößt die Tür weit auf. Sie bringt Käseplatten. Lecker! Leider nicht so sortiert, wie der Winzer und seine Frau es bestellt haben – passend zu den Weinsorten. Immerhin wurden kleine Papierflaggen hineingespießt mit Aufschriften wie „Rotweinkäse”, Brie” oder „Emmentaler”.
Inzwischen hat sich der Raum gefüllt. „Ganz schön kahl und geschmacklos eingerichtet”, raunt A. mir zu. „Was für ein perfekter Ort für eine Weinprobe”, jubelt eine Seniorin mit Pagenkopf. Und weil sie vor Neugier platzen würde, wenn sie noch länger warten würde, wendet sie sich dann an uns: „Sie sind wohl nicht von hier?”
Wir sind sofort geständig. Ja, wir kommen aus dem Nachbarort. Er liegt etwa einen Kilometer entfernt – der Ortsteil, in dem ich wohne, sogar nur wenige Hundert Meter. Ein Katzensprung. Mit anderen Worten: Wir sind Fremde! Aber werden vollkommen vorurteilsfrei aufgenommen und sofort integriert. „Sie hab ich schon mal beim Einkaufen gesehen, da bin ich ganz sicher”, behauptet der Pagenkopf und deutet auf meine Freundin. A. gibt zu, regelmäßig einkaufen zu gehen. So, so. Zufälle gibt’s!
Endlich wird die Veranstaltung offiziell eröffnet. Der Winzer, der in der Hektik der Vorbereitungen offenbar nicht mehr dazu gekommen ist, seinen Nasenhaarschneider zum Einsatz zu bringen, ergreift das Wort. Es sei ja wohl nicht notwendig, dass er sich vorstelle, da fast jeder im Raum ihn seit Jahren – ach was, seit Jahrzehnten! – kenne, sagt er. Dann fällt sein Blick auf A. und mich. „Oder möchten Sie, dass ich …?”, fragt er höflichkeitshalber. Ich versichere ihm, dass wir das super fänden.
Alle lachen. Auch A. und ich. Lachen überwindet kulturelle Barrieren und verbindet. Noch mehr verbindet die Freude darüber, dass die Gläser nun gefüllt werden. Der St. Laurent ist köstlich, sehr leicht und angenehm. Der Dornfelder ist ein Dornfelder. Überschätzt, wie Beckham oder die Schweinegrippe. Der Rotweinkäse schmeckt fabelhaft. Der Lupenmann hat Schwierigkeiten, ihn zu identifizieren – ich reiche ihm einige Häppchen.
Es gibt neue Gläser – zum letzten Mal an diesem Abend. Für die unterschiedlichen Weißweine scheint das nicht nötig zu sein. Umso nötiger ist es also, die Probiergläser, die stets üppig gefüllt werden, artig zu leeren.
Chardonnay und Rivaner werden geöffnet. Nein, nicht entkorkt– das Image des Schraubverschlusses ist zu unrecht so negativ. Immerhin kann Wein in Schraubverschlussflaschen nicht korkig werden, nicht wahr? Und in zehn, zwanzig Jahren wird selbst ein 200-Euro-Wein so abgefüllt sein. Ganz sicher. Alle nicken eifrig. Ein Mann mit rotem Kopf spricht sachkundig über Öchslegrad und Mostgewicht.
„Lecker, der Chardonnay”, findet A., und ich kann ihr nur zustimmen. Wir lernen, dass diese Rebsorte erst seit wenigen Jahren in der Pfalz angebaut wird. Alle erheben ihre Gläser auf die globale Erwärmung, die dies möglich machte.
Der Rivaner ist nicht so mein Fall. Auch Weißburgunder und Kerner schmecken etwas zu – ähm – feinherb. Dem Lupenmann reiche ich den dazugehörigen Brie. Inzwischen sind wir ein eingespieltes Team. Positiv überrascht bin ich vom Riesling. Dumm nur, dass ich beim Einschenken um „nur einen kleinen Tropfen” gebeten habe. Der rotkopfige Mann fachsimpelt mit dem Winzer über Restsäure und Haltbarkeit. Seine Frau, eine Dame im Pullunder, interessiert sich für Grundsätzlicheres: „Warum gibt es so viele Rieslingsorten auf der Welt, und vor allem: Warum schmecken alle unterschiedlich?” Die Pagenkopffrau erklärt, dass die zahllosen Männer, die es auf der Welt gäbe, ja auch unterschiedlich seien. Eine Argumentation, die alle restlos überzeugt. Selbst die schweigsame Blondgelockte nickt heftig, nach kurzem Blick auf ihren Begleiter im Sportvereins-Shirt.
Die Stimmung wird immer ausgelassener. Wir sind nun bei Huxelrebe Kabinett und Gewürztraminer Spätlese angekommen. Ich reichte dem Lupenmann den Emmentaler. Die Pagenkopffrau setzt ihr Verhör fort: „So, so, Sie kommen also aus dem Nachbarort!”, prostet sie A. zu. In ihren Worten liegt Anerkennung für die Strapazen des weiten Weges, den A. auf sich genommen hat. Ihr rotkopfiger Mann hakt ein: „Sie sind wohl nicht zufälligerweise mit Familie X verwandt?” A. teilt mit, dass das nicht der Fall ist. „Sehr gut”, lautet das einstimmige Urteil. Familie X scheint hier keinen guten Ruf zu genießen. Die Pullunderfrau ist noch nicht überzeugt: „Mit wem sind Sie denn sonst so verwandt?” A. erklärt, dass sie aus Berlin stammt und weder mit Familie X noch irgendwelchen anderen Dorfbewohnern verwandt ist.
Der Sportvereinsmensch verliert das Interesse an A. Er konzentriert sich wieder auf den Zweck unserer Zusammenkunft und kostet: „Igitt, was für eine süße Brühe”, verkündet er. Und mit den Worten „Pfui, Spätlese – sowas kann man ja nicht trinken!”, schenkt er sein Glas erneut randvoll. Er leert es in einem Zug und verzieht das Gesicht: „Was für ein Zuckerwasser, wer trinkt bloß so ein Gesöff?”, woraufhin er sein Glas erneut füllt und … offenbar in eine Art Endlosschleife gerät.
Ich reiche dem Lupenmann einen Käse namens Nussknacker. Er bedankt sich überschwänglich, was mich irgendwie ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt. Aus dem Supermarkt kennt man mich nicht, aber immerhin habe ich zugegeben, im 500 m entfernten Ortsteil zu wohnen. „Kennen Sie Frau Y?”, fragt mich die Pullunderdame. Ich habe Frau Y im Sommer mal am Friedhofstor getroffen. Sie hat meinen Hund gestreichelt, wir diskutierten das Wetter und wünschten uns zum Abschied noch einen schönen Tag. „Ja, ich kenne Frau Y”, sage ich freundlich und sorge für wahre Begeisterungsstürme. „Was, wirklich? Sie kennen Sie?” Nun ja, in einem 300-Seelen-Ort kennt man sogar die Zugezogenen! Die Pullunderdame jedoch kann das Ausmaß des Zufalls kaum fassen: „Ich hab nämlich bei Frau Y mal was eingeworfen!”, jubelt sie, und nun bin auch ich überwältigt. Ist die Welt nicht ein Dorf? Darauf kann man gar nicht oft genug anstoßen …




















Wenn das ein Tatsacenbericht ist, dann stimmen wohl alle Klischees, die ich von so einer Weinprobe habe…
Bierproben sind aber auch nicht besser :-P
(Ich muß gestehen, ich war moch nie auf einer Weinprobe… aber auf meinen Radtouren in der näherern Umgebung kam ich öfters mal an so einem Etablissement vorbei – gibt es ja überall in der Pfalz ;-) )
Jawoll, Tatsachenbericht. Nicht wahr, A.? Nun sag doch auch mal was …
Ob es typisch ist, kann ich nicht beurteilen, war meine erste Weinprobe :-)
Danke für diesen tollen Bericht, ich habe mich köstlich amüsiert. Ich glaube, ich sollte mal wieder zu einer “richtigen” Weinprobe gehen. Das ist doch viel lustiger als die “Profiverkostungen”. Nein, wegkippen geht wirklich nicht, und wenn es noch so scheußlich schmeckt. Schließlich hat der Winzer ein ganzes Jahr geschuftet, um so was zu produzieren *ggg* LG Antje
Liebe Antje,
das denk ich mir – bei Profiverkostungen geht’s sicher anders zu. Wenn’s dir mal nach Kontrastprogramm zumute ist, kann ich so ein Event durchaus empfehlen. Aber ich rate dir: Nimm eine gute Freundin mit! Ihr müsst euch gegenseitig stützen, wenn ihr anschließend lachend nach Hause wankt …
Unglaublich. Ich war noch nie auf so einer solchen Weinprobe und danke herzlich für die anschauliche Schilderung. Davon versteh ich also wenig. Aber vom Schreiben versteh ich ne Menge. Und deshalb verneige ich mich. Toll.
Danke für die Blumen, Biggi! Und glaub mir: So eine Weinprobe hätte dir auch gefallen :-))
Cool Heike! Hattest Du am nächsten Tag ein “Mützchen” auf?
Wir haben einer Freundin dieses Jahr eigentlich auch eine Wanderung in die Weinberge mit Verkostung geschenkt. Aber die hat das nicht eingelöst! Hm, ich werde ihr mal den Link zu dir geben, dann kommt sie vielleicht auf den Geschmack…
Prost
Judith
Ein Mützchen auf? Du sprichst in Rätseln. Was auch immer du meinst: mir! ging! es! gut!
Was deine Freundin betrifft: Wenn sie den Gutschein nicht einlöst, ist sie selber schuld … Wohlsein!
“Mützchen” auf heißt, einen Kater haben. Der Begriff entstand in ANlehnung von “Käppchen” aufhaben – was nach großherzigem Konsum von Rotkäppchen-Sekt der Fall ist. Ich dachte, der Sinn stellt sich auch Nichteingeweihten her: am nächsten Tag ein “Mützchen” auf haben. Hm… dann eben nicht. :O)
Ah, jetzt versteh ich :-)
Ich kenn nur die Wendung “das Hassmützchen aufsetzen”. Aber dazu bestand in diesem Fall überhaupt kein Anlass. Eher wäre das Narrenkäppchen angebracht gewesen …
Also nun, nachdem ich 2 Tage über Heikes Bericht gelacht habe, weil jedes, aber auch wirklich jedes Detail stimmt, möchte ich noch hinzufügen, dass ich am nächsten Tag einen ordentliches Brummschädel hatte (und nur Bier trinken konnte).
Außerdem ist noch erwähnenswert, wie interessiert die Teilnehmenden unsere (leeren) Käsefähnchen begutachteten.
Haben wir den Einheimischen etwa den Käse weggegessen? Hätten uns vielleicht nur so 2-3 Stückchen zugestanden? Und außerdem:
Wie ging es unserem Sportsfreund am nächsten Tag? Fand die Dame mit dem Pagenkopf ihren Mann zu Hause trocken oder eher feinherb? Werde ich ihr beim nächsten Einkaufen wieder über den Weg laufen? Konnte der Lupenmann am nächsten Morgen sein Frühstück einnehmen (ohne Heikes Hilfe)Fragen über Fragen quälen mich seitdem. Dabei sollte es doch nur eine ganz gemütliche Weinprobe werden….
Zum Schluss noch meine Versicherung an alle, die mal eine Weinverkostung erleben wollen…es ist immer ein Erlebnis…
man braucht nur das richtige Ambiente und tolle Teilnehmer. Die Weine geraten da zur schönsten Nebensache der Welt.
Na dann Prost!A.
So so, A., du hattest also ein Mützchen? Doch gut, dass ich alles, was feinherb und schlimmer war, nur in homöopathischen Dosen zu mir genommen habe :-)
Ja, das mit den Fähnchen stimmt wirklich. Als sich die leeren Spieße auf unserem Tellerchen häuften, deutete man sogar mit den Fingern auf uns. Aber die Gefahr, dass für die Ureinwohner nicht genug übrig blieb, bestand zu keinem Zeitpunkt!
Was hältst du eigentlich mal von einer Bierprobe? Wo muss man sich da anmelden? Direkt in der Brauerei, oder?
Ja, ein feinherbes Mützchen oder ein Traminer Mützchen, so wie Tiroler Hut?
Sie haben übrigens mit dem Fingerzeigen gewartet, bis ich auf der Toilette war, diese Feiglinge!
Weinprobenerfahrung habe ich ja reichlich, Bierprobe? Vielleicht kann uns hier jemand weiterhelfen? A.
Stimmt, ich erinnere mich. Musste dir das pantomimisch dolmetschen, als du zurückkamst …
Da fällt mir ein: Vor der Bierprobe steht ja noch die Weinprobe mit verbundenen Augen an. Als Überprüfung der Behauptung, Weißwein und Rotwein seien dann – bei gleicher Temperatur – nicht unterscheidbar. DAS muss ich testen!
Wobei mir einfällt, dass außer uns niemanden gestört zu haben schien, dass der Rotwein zu kalt war. Im Gegenteil: Der Mann mir gegenüber links behauptete, er könne warmen Rotwein (er meinte sicher wohltemperierten) nicht ausstehen. Er bekomme Rotwein nur kalt runter, sonst schmeckt er ihm zu stark nach Rotwein….ääh???
Liebe Leute, Ihr seht – Heikes Bericht ist noch ausbaufähig!!!
LOL
Stimmt, dieses Highlight hab ich völlig vergessen. Rotwein, der zu sehr nach Rotwein schmeckt, ist natürlich fast so übel wie Brot, das nach Brot schmeckt oder Käse, der irgendwie käsig rüberkommt … :-))
Bierproben gibts in den meisten Brauereien. Wir haben hier zwei in der Nähe – von denen eine sowas sicher anbietet (Habsch schon
ausprobiert). Bei der zweiten weiß ich es nicht, es ist aber kein Problem, das rauszufinden.Mit dem Zug bist Du in 1- 1,5 h vor Ort.
Die erste ist etwas weiter weg, dafür ist dort das Bier besser 8-)
Das ganze kostet glaube ich 16 Euro Eintritt (incl. Führung durch die Brauerei, 2(?) Bier und ein Bierglas (diese Angabe ist ohne Schießgewehr und schon ein bis zwei Jahre alt)
Oh, eine Brauerei haben wir auch hier um die Ecke. Kommt nun drauf an, wo das Bier besser schmeckt. Welches wäre es denn bei dir? Wird dann vorgemerkt für den schon mehrfach erwähnten Blogausflug :-)
Jetzt muss ich noch mal kurz nachfragen: Was bitte ist ein “Hassmützchen”, den Ausdruck kenne ich überhaupt nicht. Kannst du meine Wissenslücke schließen?
Gruß, Judith
Was der Ausdruck bedeutet, ist ja offensichtlich. Aber woher er kommt? Weiß ich leider nicht. Bestimmt aus dem Mittelalter. Oder von den Schlümpfen :-)