Verteidigung der Zicken gegen die Gänse

Bis vor Kurzem hielt ich es für eine Tatsache: Katja Riemann ist eine Zicke. Als Schauspielerin zwar super, als Interviewpartnerin aber eine Zumutung. Nicht dass ich Katja Riemann jemals persönlich getroffen oder gar selbst interviewt hätte, aber man las doch allenthalben davon, wie anstrengend es sei, mit ihr zu tun zu haben. So weit, so gut.

Nun knallen einem seit einigen Tagen die Headlines um die Ohren, die das NDR-Interview, das ein mir bislang unbekannter Mensch namens Hinnerk Baumgarten mit Katja Riemann geführt hat, auf eine Weise bewerten, dass ich aufhorche. Immer wenn eine Frau als „bissige Diva“ oder „Zicke“ bezeichnet wird, gehen bei mir die Alarmglocken an. Wenn es gar heißt, sie habe den armen Interviewer – das „Nörgel-Opfer“ – in ihrem „Lustlos-Interview“ mehrfach „auflaufen lassen“ und sich „durchs Interview trotzt“, dann muss sie sich entweder schlimmer als Klaus Kinski aufgeführt haben, oder irgendetwas stimmt da ganz und gar nicht.

Es gibt nur eine Möglichkeit, das herauszufinden. Nämlich das Interview anzuschauen. Bei YouTube habe ich es prompt gefunden und mir in voller Länge zu Gemüte geführt. Und ich muss sagen: Ein Skandal! Wie kann man einer gestandenen Schauspielerin derart bescheuerte Fragen stellen? Anfangs erinnerte mich das Gespräch an das oberflächliche Bei-Gottschalk-auf-der-Couch-Geplänkel von einst. Da wird Frau Riemann doch glatt nach ihrer Frisur gefragt. Blonde Locken hat sie bekanntlich. Im letzten Film nun glattes, langes, dunkles Haar. Huch? Wie geht so etwas? Sensation: Sie trug eine Perücke. Und konnte es selbst nicht fassen, auf so eine Nebensächlichkeit überhaupt angesprochen zu werden, und das auch noch als Einstiegsfrage in das Interview. Noch schlimmer war nur der kleine Einspieler, in dem Nachbarn aus Kindertagen in ihrem Heimatort befragt wurden, wie denn die kleine Katja damals so war.

Ich darf die Bild zitieren (meine AOL-Startseite verlinkt direkt dorthin, daher fiel mir die marktschreiereische Headline gleich ins Auge):
„Fremdschäm-Höhepunkt des Lustlos-Interviews: als ein Einspieler aus Riemanns Heimatdorf Kirchweye gezeigt wure, zickte die Schauspielerin: ‚Wahnsinnig peinlich.‘“
– Ja, und da hatte sie recht. Das Filmchen hätte vielleicht in einem „Heidi Kabel zum 90. Geburtstag“-Special gepasst. Aber in diesem Zusammenhang? Fremdschämen war durchaus angebracht, aber nicht wegen Katja Riemanns bewundernswert ehrlicher Reaktion.

Warum, frage ich mich, wird um dieses an sich harmlose Gespräch so ein Theater gemacht? Warum bricht ein Shitstorm los?

Spontan stelle ich mir vor, es wäre nicht Katja Riemann gewesen, die hier interviewt wurde, sondern ein männlicher Schauspieler. Und auch nicht Hinnerk Baumgarten, der die Fragen stellte, sondern eine junge Journalistin. Karamba, da wäre was losgewesen! Die Journalistin hätte man als unvorbereitet, überfordert, womöglich sogar talentfrei bezeichnet. Und den Schauspieler als souverän, cool, gewitzt.

Aber dass Katja Riemann eine Frau ist, die es wagt, bei blöden Fragen die Stirn kraus zu ziehen, ist nur ein Teil ihres Verbrechens. Der andere ist: Sie möchte über ihre Arbeit reden. Am besten über aktuelle Projekte, nicht über Zeugs, das sie vor 10 Jahren gemacht hat.

Ja, wie soll denn ein Journalist (oder was immer Herr Baumgarten ist) darauf kommen? In Zeiten, in denen Frauen allein schon dafür als prominent gelten, dass sie das Oktoberfest besuchen, mal mit einem Fußballprofi zusammenwaren oder sich in einer Castingsendung blamiert haben, rechnet doch kein Mensch mit so was. Selbst Gänse, deren Prominenz einem irgendwie gearteten Job (Hotelerbin, IT-Girl, Schmuckdesignerin) entspringt, sorgen häufiger mit Trunkenheitsfahrten oder Auftritten ohne Unterwäsche für Furore als durch ihren Beruf. Und nun kommt eine Schauspielerin daher, die über ihre Kernkompetenz reden will. Nicht über ihre Haare, nicht über ihre Kindheit, überhaupt nicht über ihr Privatleben. Ganz schön dreist, oder?

Nun, um zum Ausgangspunkt zurückzukommen: Wenn also ein derartiges Betragen als „zickig“ gilt, dann befördere ich dieses Adjektiv ab sofort zum Kompliment.

 

 

9 Kommentare

  1. Manon Garcia sagt:

    Liebe Heike,

    ich las auch die Verrisse und „musste“ mir das Interview anschauen. Ich war verwundert, wie ein Moderator eine Frau dermaßen auf ihre Haare reduziert. Man erkenne Sie nur daran, wie schön sie doch wieder aussehe, auch im INterview mit der Grundschullehrerin kamen nur die Haare vor. Lächerlich, wie kann man eine gestandene Schauspielerin so herabwürdigen? Ich war geschockt und so ging es weiter. Zumal, darauf gehst du gar nicht ein.

    Sie erfuhr in dem Einspieler zum Start erst davon, dass eine liebe Freundin und Schauspielkollegin starb. Katja Riemann standen die Tränen in den Augen, sie war sichtlich geschockt! Man sah ihr an, dass sie eigentlich nur fort will, aber sie versuchte gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Aber dann kam nur blöde Fragen, Unterstellungen, Interpretationen. Schrecklich.

    Wieso ausgerechnet Frau Riemann sich entschuldigen muss und an den Pranger gestellt wird, ist mir ein Rätsel. Aber ich denke, der Moderator sollte sich entschuldigen, aber formvollendet!!!

    Lieben Gruß

    Manon

    • AbidiText sagt:

      Absolut nicht nachvollziehbar, da hast du recht. Gut gemeint ist wirklich nicht immer gut gemacht und in diesem Fall sogar total daneben …

  2. Elke sagt:

    Danke, Heike, du sprichst mir aus der Seele.
    Heute ist im Feuilleton der SZ ein langer und sehr gut differenzierter Artikel von dem wirklich professionellen Journalisten Alexander Gorkow, leider ist der Artikel (noch) nicht online. Ein deftiges Zitat daraus:
    Ein Hinnerk Baumgarten mit seinem Hallo-Leute-Machismo im TV spielt da nur vordergründig den Part des harmlosen Saftsacks, der morgens um drei peinlich an der Theke daherkommt: Wer redet denn gleich vom Heiraten, Süße, lass uns doch erstmal ne Runde ficken. Das Prinzip: Stell dich nicht so an. Benimm dich. Schließlich: Du willst es doch auch.
    …. Es handelt sich bei diesem Mix nicht um einen beiläufigen, lustigen Zusammenstoß zwischen einem Idíoten und einer Ziege. Es handelt sich vielmehr um eine besonders perfide Form der Machtausübung. Dadurch, dass den Moderator sein eigener Dilettantismus total kalt lässt, sitzt das Problem auf der anderen Seite des Sofas. Und da wird es auch bleiben, es sei denn, Puppe, du machst dich jetzt mal locker, wir wollen doch nur n bisschen reden …
    Und er schreibt: Der Hass, der ihr (Riemann) jetzt entgegenschlägt, ist total deprimierend.

    Und das finde ich auch … dieser elende Shitstorm – und in gewisser Weise mache ich da auch Stefan Niggemeier den Vorwurf, denn ohne ihn hätte sich dieses grottendoofe Interview im Nirwana versendet und nicht diese grauenhaften Reaktionen hervorgerufen. Grässlich, einfach nur grässlich!

    • AbidiText sagt:

      Liebe Elke, der „Du willst es doch auch“-Vergleich trifft es – leider – sehr gut. Und genau diese Haltung stellt den Interviewgast in eine Ecke mit Möchtegernstars, die bei den Paparazzi anrufen, um dann „zufällig“ am Strand mit ihrem neuen Lover flirtend fotografiert zu werden. Weil das die einzige Art ist, in die Medien zu kommen. In dem Fall ist es ein Geben und Nehmen (auf niedrigstem Niveau). Wer sich dann über die bösen Sensationsfotografen beschwert, ist scheinheilig. Doch solche Leute in einen Topf zu werfen mit seriösen Schauspielern, die über ihre Projekte reden wollen statt über ihre Kurven, ist schlicht unverschämt. Oder wie du schreibst: deprimierend.

  3. AbidiText sagt:

    Jetzt schließt sich auch Spiegel Online der Negativ-Wortwahl an: Riemann „ätzt“ und habe den Moderator nicht nur auflaufen lassen, sondern „pampig“ auflaufen lassen. Ein Statement abgeben heißt noch lange nicht „ätzen“ – und auf dumme Fragen irritiert zu reagieren hat nichts mit „pampig“ zu tun …

    http://www.spiegel.de/panorama/leute/katja-riemann-aeussert-sich-zu-auftritt-in-ndr-sendung-das-a-890077.html

  4. Ich fand die Reaktionen absolut angemessen… ich hoffe ja fast, daß ich nicht aus Versehen berühmt werde und mir dann so einen Scheiß (tschuldigung) antun muß ;-)

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